„Die etwas für die Gemeinschaft tun, haben weniger Angst“

FAZ: Herr Kalbitzer, als Psychotherapeut beschäftigen Sie sich mit den Ängsten der Menschen. Laut dem ZDF-Politbarometer fürchtet aktuell fast jeder vierte Deutsche eine Ansteckung mit dem Coronavirus, vor einem Monat waren es noch deutlich weniger. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Gefahr für die Bevölkerung derzeit als „mäßig“ ein. Trotzdem wurden vielerorts beispielsweise Hamsterkäufe beobachtet. Woher kommt die Angst?

KALBITZER: Viele Menschen können die Situation weder verstehen noch einschätzen. Denn vieles wissen wir noch nicht über das Coronavirus. Die Diskrepanz, die zwischen der Medienrealität und der richtigen Realität herrscht, verunsichert die Menschen zusätzlich. Sie haben das Bedürfnis zu wissen, wie gefährlich ihr Umfeld ist: Worauf muss ich achten, wie kann ich mich vorbereiten?

Welche Rolle spielt die Berichterstattung?

Es wird so viel über das Virus berichtet, das kann in der Lebensrealität gar nicht abgeglichen werden. Das macht den Umgang schwieriger, als wenn man sich mit einer ganz konkreten Gefahr konfrontiert sieht, bei der man weiß, was zu tun ist. Informationen sind oft widersprüchlich. Wir sehen das an der Schutzmasken-Debatte. Am Anfang wurde noch gesagt, dass Masken nicht helfen. Dann sagt man aber, gebt die Masken dem Pflegepersonal, die brauchen sie, um sich zu schützen. So etwas ist verunsichernd. Das wurde mittlerweile in der Kommunikation ein bisschen verbessert. Jetzt wird gesagt, dass es für Pflegepersonal wichtiger ist, weil sie näher dran sind und mehr Kontakt zu Patienten haben. Aber vor dem Hintergrund der vielen Bilder aus Asien, wo alle Schutzmasken tragen, ist es schwer zu vermitteln, warum man sich zum persönlichen Schutz nicht auch eine Maske besorgen sollte.

Also tragen die Medien eine Mitschuld?

Ich würde nicht von Schuld sprechen. Das Informationsbedürfnis ist ja da. Aber wenn von ‚dem tödlichen Virus‘ die Rede ist und häufig von Todesopfern berichtet wird, bereitet das natürlich Sorgen.

Sie sprechen von Sorge. Ist Angst auch berechtigt?

Angst ist grundsätzlich nichts Falsches. Sie ist erst einmal eine Reaktion darauf, dass Gefahr da ist. Angst führt im besten Fall dazu, dass man sich schützt. Problematisch wird es dann, wenn die Angst zu Hoffnungslosigkeit wird oder zu Lähmung führt. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht finden: Dass man sich einerseits zurückzieht und nicht die ganze Zeit Nachrichten liest, und sich gleichzeitig gut informiert, schaut, was man sinnvolles tun kann. Wenn ich mir ganz viel Desinfektionsmittel und Masken gekauft habe, und mich mit jeder Menge Klopapier und Konserven in meiner Wohnung verkrieche, hilft das eher nicht gegen die Angst, zumindest nicht nachhaltig.

Was hilft stattdessen?

Ich finde Hamsterkäufe erst einmal nicht schlecht. Aber wenn sie andere gefährden, wenn Menschen, die so etwas dringender brauchen, nicht an Desinfektionsmittel oder Schutzmasken kommen, weil andere zu viel davon kaufen, haben wir ein Problem. Prinzipiell gilt ja schon länger die Empfehlung von staatlicher Seite, für zehn Tage Vorräte für alle im Haus zu haben. Dass Menschen das jetzt tun, weil es ihnen Sicherheit gibt, zum Beispiel um in einer möglichen Quarantäne versorgt zu sein, ist das erst einmal eine gute Sache. Aber dann kommt die Angst meistens trotzdem wieder und dann muss man schauen, ob es andere, noch sinnvollere Dinge gibt, die man persönlich tun kann.

Und was könnte das sein?

Wir brauchen einen neuen Trend: Wir sollten jetzt maximal sozial belohnen, wenn jemand Egoismus überwindet und sich für die Gemeinschaft einsetzt. Gesunde Privatpersonen beispielsweise, die Mundschutz und Desinfektionsmittel zurückgeben. An die Hausarztpraxen oder Kliniken, in denen sie im Ernstfall versorgt werden. Ich glaube das hilft nachhaltig viel besser gegen die Angst. Denn langfristig braucht auch das Individuum irgendwann dieses Gesundheitssystem, das viele von uns retten wird, viel dringender, als den privaten Mundschutz. Eine andere Möglichkeit könnte sein, lokale Krankenhäuser zu entlasten, indem ich nicht mit unnötigen Anliegen hingehe, sondern den Ärzten die Möglichkeit gebe, diejenigen zu versorgen, die am dringendsten versorgt werden müssen. Oder den Menschen im Gesundheitssystem genauso wie denen, die jetzt organisieren und die öffentliche Ordnung aufrechterhalten, dankbar zu sein.

Gibt es Menschen, die mehr Angst haben, als andere? 

So wie ich das in meiner Arbeit als Psychotherapeut wahrnehme, gibt es überall Menschen, die Angst haben. Aber ich erlebe, dass die, die etwas für die Gemeinschaft tun, weniger Angst haben. Die meisten Menschen wissen nur nicht, was sie tun können. Wir alle können, wie gesagt, das Gesundheitssystem unterstützen, die Menschen also, die uns im Notfall retten werden. Wenn ich in meiner Wohnung liege und eine schwere Lungenentzündung habe, dann brauche ich jemanden, der mir hilft. Und deshalb muss ich mich jetzt im gesunden Zustand auch um die Gemeinschaft kümmern, die mir dann helfen soll. Ich glaube, dass da eine ganz wichtige Aufgabe von Politik und Medien liegt – Akte des Einsatzes und der Verantwortung für die Gemeinschaft viel mehr hervorzuheben und viel kritischer gegenüber Politikern zu sein, die anfangen zu spalten, weil sie überfordert sind oder sich davon im Lager der ewigen Besserwisser Stimmen erhoffen. Es geht darum, jetzt zusammenzuhalten.

Könnte das eine positive Auswirkung des Virus sein? Ein steigendes Gemeinschaftsgefühl? 

Wir sollten durch dieses Virus lernen, dass wir die Gemeinschaft brauchen und füreinander da sein müssen. Dass es gut tut, die älteren Nachbarn mit Lebensmitteln zu versorgen oder ihnen mein Desinfektionsmittel zu schenken, weil sie ein höheres Risiko auf einen schweren Krankheitsverlauf haben. Als Individuen haben wir in dieser komplexen Welt allein nicht die geringste Chance.

Was können wir als Gesellschaft gegen Ängste tun?

Es gibt ganz viele wunderbare Heilmittel. Die schützen uns zwar nicht vollständig vor einer Infektion mit dem Coronavirus, aber sie schützen die Gemeinschaft. Eine sehr einfache Methode, die sehr wirksam ist, ist Lachen. Lachen ist unglaublich gesund und stärkt den Zusammenhalt. Es führt auch zu einer besseren Durchblutung des lymphatischen Rachenringes, also dem Immunsystem im Rachen, wo viele Erkältungserreger erst einmal ankommen. Lachen ist im Sinne der körperlichen und seelischen Gesundheit also sehr zu empfehlen. Es schafft Abstand zu sich selbst und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Wenn wir aber das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem zu sein, dann sind wir viel stärker und mutiger.

Also halten wir fest: Gegen die Angst helfen Lachen und Gemeinschaft statt Desinfektionsmittel-Hamsterkäufe und Egoismus.

Ja. Die Nudeln sind irgendwann aufgegessen, aber die Werte, für die wir in der Gemeinschaft kämpfen, die bleiben.

Das Gespräch führte Christina Lopinski