Wie das Internet unser Gehirn verändert

SZ: Was ist dran an den dystopischen Theorien, die uns gerade besonders zum Thema Technik überschwemmen? Ist Big Data so schlimm, wie alle tun?

KALBITZER: Ich denke schon, dass es mit guten Algorithmen möglich ist, bestimmte Charaktereigenschaften zu erkennen. Die Frage ist: Welche Anteile der Person sind das dann? Kennt mich ein Computerprogramm besser als meine Frau? Der für mich wichtigste materielle Gegenstand in meinem Leben ist meine Stereoanlage. Ich bin ganz sicher, dass niemand in meiner Familie die Marke meiner Stereoanlage kennt. Ich bin auch ganz sicher, dass die großen Big Data-Firmen ganz genau wissen, was für eine Stereoanlage ich habe. Andererseits wissen die Menschen in meiner Familie, wie sie mit mir umgehen müssen, wenn ich schlechte Laune habe. Auch gute Algorithmen können so etwas lernen, aber nicht über Facebook-Likes.

Also ist die Aufregung übertrieben?

Man muss unterscheiden zwischen der Vorhersage menschlichen Verhaltens und Mikrotargeting. Solche strategische Kommunikation kennen wir schon lange, aber in dem Ausmaß wurde das bisher nicht betrieben, und das ist natürlich ein Problem. Was wiederum Verhaltensvorhersagen angeht, wird aus meiner Sicht unzulässig verallgemeinert: So und so viel Prozent von menschlichem Verhalten kann man vorhersagen. Aber das sind Gruppenergebnisse. Beim einzelnen Individuum Verhalten vorherzusagen ist viel schwieriger.

Denken Sie, die Popularität mancher Thesen liegt auch daran, dass viele Menschen Mystizismus lieben und gerne glauben wollen, dass es einen hinterhältigen Plan gab?

Es ist eine einfache Erklärung. In Zeiten, in denen die Umwelt um einen herum als bedrohlich erlebt wird, polarisieren Menschen schneller und suchen nach einfachen Lösungen. Das ist das eigentliche Problem im Umgang mit den sozialen Medien: dass zu viele darauf anspringen, ohne zu hinterfragen und zu relativieren. Viele von uns machen mit, weil es unserer Eitelkeit schmeichelt, Aufmerksamkeit für den dramatischen Post zu kriegen. Aber das ist unvernünftig, wir haben jetzt die Möglichkeit, die Dramatik und die gefühlte Bedrohung wieder runterzufahren, das wäre gut für das gesellschaftliche Klima.

Betrifft das auch die viel erwähnten Filterblasen?

Das mit den Filterbubbles halte ich in Teilen für ein Gerücht. Wir sind derzeit durch das Internet mit so vielen neuen Informationen konfrontiert wie noch nie zuvor. Ich denke, dass viel von der gefühlten gesellschaftlichen Überforderung auch damit zu tun hat. Außerdem habe ich den Eindruck, dass das Argument der Filterblase oft ein Herabblicken ist auf Leute, die sich angeblich in solchen Filterblasen befinden. Wir werfen das gerne unseren „gefühlten“ Gegnern vor, das erinnert mich immer an Ehestreits, in denen es ja auch oft so parallele Realitäten gibt, aber man immer seine eigene Realität für unglaublich objektiv hält und dem anderen Verzerrung vorwirft. Es werden in den aktuellen Diskussionen auf beiden Seiten Regeln des fairen Umgangs miteinander verletzt und es wird unzulässig pauschalisiert.

Bedrohen Facebook und mediale Manipulation den freien Willen der Menschen?

Die Menschen brauchen die Vorstellung eines freien Willens, um moralisch handeln zu können. Wir können uns nur verlieben, wir können nur Gesetze haben, wenn wir glauben, dass andere Menschen die Dinge, die sie tun, tun, weil sie die tun wollen. Wenn wir uns als biologische Maschinen begreifen, können wir keine Urteile treffen, keine Gesetze haben, und dann fehlt uns eine wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft. Wir müssen für die Willensfreiheit als Konzept kämpfen.

Strategische Kommunikationsplanung an sich ist ja weder moralisch noch unmoralisch.

Kommt darauf an. Man kann ja wissen, „Ich werde da gerade manipuliert“ und fällt trotzdem drauf rein. Bei guter Werbung geht mir das manchmal so. Die Frage ist, ob da Transparenz immer die Lösung ist. Wir müssen vor allem etwas gegen die Skrupellosigkeit tun, mit der solche Methoden eingesetzt werden. Dass sich Leute damit rühmen können, dass sie im großen Stil Menschen manipulieren. Das müssen wir gesellschaftlich ächten. Und natürlich auch kontrollieren.

Denken Sie, man bräuchte in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen einen neuen Pressekodex?

Mein Eindruck ist, dass sich immer noch viele Menschen, die unsicher sind, an den großen Medien orientieren. Diesem Anspruch müssen die Medien noch besser gerecht werden. Gerade wenn sich ein großer Teil der Gesellschaft Sorgen darüber macht, dass wir immer weniger verlässliche Nachrichten haben. Und wir müssen Plattformen wie Facebook gewisse Regeln auferlegen.

Was für Regeln?

Das Problem ist die Überschneidung des Aufmerksamkeitsbedürfnisses von Einzelpersonen oder Gruppen und dem Bedürfnis von Unternehmen, Geld zu verdienen. Sie macht es lohnenswert, möglichst viel Aufruhr zu erzeugen. Das ist eine giftige Mischung. Unternehmen, die dafür verantwortlich sind, öffentliche Kommunikation zu ermöglichen, und dann davon profitieren, dass sie die Stimmung aufheizen, müssen gesellschaftlich reguliert werden. Gleichzeitig denke ich auch, dass sich öffentliche Personen bei großen Ereignissen darin zurückhalten müssen, das Panikklima weiter anzuheizen. Es ist extrem unangenehm, wenn Politiker oder Wissenschaftler da aufspringen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass all die „Das macht Ihr Smartphone mit Ihrem Gehirn“-Artikel eigentlich nicht wissenschaftlich sein können, da es noch nicht genügend Daten gibt. 

Das Gehirn verändert sich permanent. Und das ist gut so. Das Gehirn ist Teil eines Organismus, dessen Job es auch ist, sich anzupassen. Schon die Mehrbenutzung des Daumens durch Smartphones hat Auswirkungen auf unser Gehirn.

Heißt das, eines Tages wird man anhand des Daumenareals im Gehirn feststellen können, wann der betreffende Mensch gelebt hat?

Vielleicht. Vielleicht wird man in tausend Jahren MRTs aus unserer Zeit finden und sagen: Das muss die Smartphone-Ära gewesen sein, die haben ihre Daumen so viel benutzt. Es gibt Studien, wie sich das Anschauen von Internetpornos auf das Gehirn auswirkt. Angeblich sollen da bestimmte Teile des Belohnungszentrums schrumpfen. Es gibt Studienergebnisse, die angeblich für einen negativen Effekt von Computerspielen sprechen – andere sehen wiederum einen positiven. Wir sollten da weniger dramatisch interpretieren. Dass sich unser Gehirn verändert, ist ein völlig normaler Prozess. Es wäre schlimm, wenn nicht.

Stichwort „Digitale Paranoia“: Kleben Sie die Kamera an Ihrem Computer ab?

Ja, das habe ich eine Zeit lang getan. Ich weiß nicht, ob ich in einer Gesellschaft vollkommener Transparenz leben wollen würde. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von Kultur im menschlichen Miteinander ist, dass wir lernen auszuhalten, nicht alles übereinander zu wissen. Wir müssen Ungewissheiten aushalten können, um souveräne Menschen zu bleiben. Wir werden niemals alles kontrollieren können.

Interview: Juliane Liebert