Wir finden kaum inneren Abstand

FAS: Herr Kalbitzer, in der S-Bahn auf dem Weg zu Ihnen haben alle um mich herum ständig auf ihr Handy gestarrt. Kulturpessimisten würden da wahrscheinlich von sozialem Autismus sprechen. Was geht in Ihnen als Psychiater vor, wenn Sie so etwas sehen?

KALBITZER: Ich denke, es ist wunderbar, dass man in diesem engen Raum der Stadt, in dem wir leben, auch mal ausweichen kann. Wenn es um bedenkliche Auswirkungen des Internets geht, wird oft das Starren auf das Smartphone angeführt. Aber das ist ja nicht das Internet per se. Ich höre am Wochenende oft stundenlang Internetradio, auch das ist das Internet. Ein Ehepaar hat sich mir gegenüber mal beklagt, ihr Sohn sei so viel online. Auf meine Frage, was sie sich denn als Erziehungsziele für ihn wünschen, antworteten sie, er solle später guten Sex haben, anderen beim Reden in die Augen schauen können und finanziell unabhängig sein. Ich finde, das bringt die Herausforderungen des digitalen Zeitalters gut auf den Punkt: Es geht darum, sozial fähig zu bleiben und Herausforderungen im analogen Leben annehmen zu können. Wenn das gelingt, kann man auch ruhig mal stundenlang aufs Smartphone starren.

Die Eltern haben Sex angesprochen. Das Netz ist voll mit Pornographie. Viele sehen darin eine Gefahr für ihre heranwachsenden Kinder. Zu Recht?

Studien haben gezeigt, dass Erektionsstörungen bei jungen Männern zugenommen haben. Betroffene geben an, dass sie durch die ständige Verfügbarkeit und hohe Intensität an sexuellen Reizen im Netz reale sexuelle Situationen und gleichaltrige Mädchen oder Frauen als weniger reizvoll empfänden. Das ist natürlich ein Problem.

Das Internet stellt generell unendlich viel zur Verfügung. Sobald uns etwas langweilt oder anstrengt, klicken wir weiter. Wirkt sich das auf unsere Fähigkeit aus, auch mal an etwas dranzubleiben?

Für manche ist es von Vorteil, ihre Aufmerksamkeit schwanken lassen zu können und von einem Nachrichtenportal zum nächsten zu springen. Andere brauchen eher eine Papierzeitung, weil sie ansonsten zu sehr abgelenkt sind. In einem weiter gefassten Sinn kann das Internet möglicherweise durchaus den Effekt einer Wohlstandgesellschaft verstärken, sich vor Herausforderungen im Leben zurückzuziehen. Auch werden Kontakte außerhalb des Internets mitunter nicht mehr als spannend erlebt.

Warum finden wir das Internet überhaupt so toll?

Etwas über unsere Mitmenschen zu erfahren ist ein sehr ursprüngliches Bedürfnis. Online geht das sehr schnell. Man muss aber aufpassen, dass einem die Fähigkeit, Abwesenheit zu ertragen, nicht verlorengeht. Die ist ganz wichtig dafür, dass wir rational mit bestimmten Dingen umgehen können. Wenn wir uns angewöhnen, immer sofort über alles zu kommunizieren, verlieren wir möglicherweise die Fähigkeit, auch mal pragmatisch zu sein im Umgang mit anderen Menschen. Insbesondere in Beziehungen, in denen wir ständig miteinander in Kontakt sind, finden wir weniger gut inneren Abstand. Das ist aber grundlegend, um Beziehungen überhaupt führen zu können. Wer ständig wissen will, was der andere gerade macht, fällt irgendwann zur Last.

In Ihrem Buch vergleichen Sie die Wirkung des Internets mit Zucker.

Das Internet ist ein Verführer. Jeder muss für sich herausfinden, was ihm guttut. Es gibt Tage, da brauche ich ein analoges Handy, weil mir das Smartphone zu viel wird. An anderen ist das Smartphone das Schönste überhaupt. Mit dem Erscheinen meines Buches habe ich angefangen zu twittern: Ständig Nachrichten über mein Buch. Das war toll, irgendwann bin ich mir aber selbst damit auf die Nerven gegangen. Ich habe eine Pause eingelegt.

Wenn es ums Internet geht, schwingt oftmals der Duktus der Verteufelung mit. Wovor haben wir Angst?

Technische Innovationen scheinen uns generell zu verunsichern. Sie zwingen uns schließlich, alte Gewohnheiten zu ändern und neue zu entwickeln. Das Internet ist rasend schnell in unser Leben getreten, wir hinken da noch hinterher. Es hat viele gesellschaftliche Normen ausgehebelt. Ich erlebe vor allem die mittlere Generation als verunsichert, also Leute, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, die es aber ihren Kindern erklären sollen. Sie fürchten oft, dass Zeit im Internet vertrödelt wird. Aber wenn man einen Zeitungsartikel im Netz liest, etwa über den Kniefall von Willy Brandt, und danach schaut man sich auf Youtube ein Video dazu an oder liest bei Wikipedia nach, dann ist das eine tolle Auseinandersetzung mit Geschichte. Entscheidend ist, wie wir unser Handeln bewerten. Psychiater wie ich haben die Aufgabe klarzumachen, dass das Internet nicht per se krank macht, sondern dass die Art und Weise, wie wir damit umgehen und wie wir es bewerten, entscheidend ist. Das Internet ist ein wunderbarer Ort, wir wollen dort sein. Es lässt sich nicht mehr abschalten. Wir müssen lernen, gut damit umzugehen. Viele meiner Kollegen hauen aber lieber in die kulturpessimistische Kerbe.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat postuliert, dass die Zeit im Internet in zweifacher Hinsicht kurz vergeht: Währenddessen und im Nachhinein. Im Nachhinein deshalb, weil kaum etwas in der Erinnerung zurückbleibe.

Wir haben einen hohen, mitunter zu hohen Anspruch an uns, sehr bedeutsame Tage zu erleben. Vielleicht muss einfach gesellschaftlich neu verhandelt werden, was unter bedeutsam zu verstehen ist und ob wir unsere Vorstellungen überhaupt erfüllen können. Es kann sehr erleichternd sein, einfach mal einen Tag lang im Internet zu versinken.

Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, ein Tag in den Bergen ist erfüllender.

Die Frage ist, warum Sie das meinen. Wir versuchen gerade herauszufinden, ob es analoge Tätigkeiten gibt, die wir tatsächlich für unsere seelische Gesundheit erhalten müssen, oder ob es lediglich um deren Bewertung geht. Vielleicht ist es ja nur eine romantische Vorstellung, dass ein Tag mit einer Wanderung anschließend eher positiv bewertet werden kann. Man kann das nicht in großen Studien beantworten, dazu sind die Menschen zu verschieden. Der eine empfindet stundenlanges Internetsurfen als entspannend, der andere als fad. Die Philosophen, mit denen ich spreche, sind da radikal. Für den Fall, dass das Internet eines Tages fühlbar werden könnte, habe ich die Befürchtung geäußert, dass eine Umarmung mit Menschen, die wir lieben, nichts mehr wert sein wird, wenn wir es ständig tun können. Sie sagten: Das hängt von den Normen ab, die du im Kopf hast.

Das Netz ist voll von Hasskommentaren. Wie erklärt man aus psychologischer Sicht, dass manche Leute dort alle Hemmungen verlieren?

Vielleicht hat das Internet diese Leute nur präsenter gemacht. Gewisse Parolen, die im Netz auffallen, habe ich als Jugendlicher auch schon in Kneipen gehört. Was bei uns im Diskurs in den sozialen Medien aber fehlt, ist eine prägende Beteiligung von Intellektuellen. In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders. Dort zieht man sich eher nicht auf seine Denk-Inseln zurück. Das Internet war anfangs ein leerer Raum ohne irgendwelche Regeln für Umgangsformen, man konnte ihn einfach besetzen. Mein Eindruck ist jedoch, dass es sich langsam bessert. Hassmail-Schreiber realisieren, dass eine Mail eben auch ausgedruckt oder weitergeleitet werden kann.

Glaubt man der Ratgeber-Literatur für Burn-out, dann ist die internetbedingte ständige Erreichbarkeit eine häufige Ursache für psychisches Leid. Wie erleben Sie das in der Praxis?

Was Patienten mir beschreiben, ist das Überlappen von Emotionen. Allerdings nicht nur, weil die Arbeit ins Privatleben eindringt, sondern auch, weil unser Privatleben ja auch in unserer berufstätigen Zeit stattfindet – in der Literatur wird das gern unterschlagen. Wir sind am Arbeitsplatz übers Handy für Freunde und die Familie erreichbar und schauen uns in den sozialen Medien Status-Updates an. Dadurch können Gefühle verschwimmen. Ist etwas in den sozialen Medien los, was einen persönlich stark betrifft, etwa ein Streit, dann beeinflusst das die Arbeitsfähigkeit, und wir reagieren impulsiver auf Kollegen. Was anstrengt, ist also nicht nur die Arbeit, sondern dass man in eine Stimmung gerät, die nicht an den Arbeitsplatz gehört.

Sie haben verschiedene Selbsttests im Umgang mit dem Internet entwickelt. In einem schlagen Sie vor, die digitalen Kanäle radikal räumlich zu trennen. Aber welcher Chef macht so etwas heutzutage noch mit?

Sicherlich, solche Dinge kann man nur schwer alleine ändern. Beschließen alle, am Wochenende keine Mails zu senden, dann ist das leichter durchzuhalten, als wenn manche auf Mails reagieren und andere nicht und die Kollegen, die reagiert haben, bekommen dann die Gehaltserhöhung.

Eines der psychischen Bedürfnisse, die das Internet befriedigt, ist die Möglichkeit zu wissen, wie andere uns sehen. Ich habe den Eindruck, dass das bei vielen in Stress ausartet.

Man muss sich klarmachen, wie weit man von der Außenwahrnehmung abhängig sein möchte. Aber das gilt auch für unsere Leben außerhalb des Internets. Wir sind empfänglich dafür, gefallen zu wollen. Ein Patient von mir hat mal gesagt, dass Chefs ein Talent dafür haben, einen in einen Menschen zu verwandeln, der gefallen möchte. Und ja, es kann auf die Stimmung schlagen, wenn man viele Freunde in den sozialen Medien hat, die man kaum kennt und die offenbar ein supertolles Leben führen. Aber meistens sind das nur temporäre Effekte. Man registriert es, man erlebt es, aber man redet auch darüber und ahnt, dass da irgendwo ein Haken ist. Gleiches gilt für die Sucht nach den Likes. Ich höre häufig: ,Ich habe gemerkt, ich bin gierig danach. Es strengt mich an, so will ich nicht sein.‘ Letztendlich hält uns das Internet derzeit einen Spiegel unserer Bedürfnisse vor.

Wie können wir mit der berechtigten Angst vor Datenklau und Überwachung umgehen?

Es ist schwer, diese Angst zu integrieren. Als Privatperson sage ich: Wir dürfen und können das nicht akzeptieren. Wir müssen ankämpfen gegen Datenklau und gegen die Überwachung. Der Rechtsweg ist eine Möglichkeit und auch das eigene Wahlverhalten. Wir müssen unsere Faulheit überwinden und aufhören Konzerne zu unterstützen, von denen bekannt ist, dass sie mit Geheimdiensten zusammenarbeiten. Genauso wenig ist zu akzeptieren, Konzernen die Entscheidung zu übertragen, was eine Beleidigung ist, welche Nacktbilder gezeigt werden dürfen, was Kunst ist, was Satire. Diese Deutungshoheit müssen wir zurückgewinnen. Das Internet ist ein wesentlicher Raum unserer Gesellschaft, das muss endlich ernst genommen werden.

Wir brauchen eine Revolution?

(Lacht.) Ich bin Psychiater, kein Revolutionär.

Das eine schließt das andere ja nicht aus.

Stimmt, Che Guevara war auch Arzt.

Interview: Karen Krüger